Das Prinzip ist einfach: Anstatt in die Realwirtschaft, wo man mit Schweiss und Risiko um den Erfolg der Investition kämpfen muss, fliessen die Kredite in Wertpapiere. Durch die Erhöhung der Geldmenge steigt ihr Buchwert (aber nicht die Wertschöpfung!) und sie können mit Gewinn verkauft werden. Der Trick besteht darin, der Geldpumpe stets ein bisschen Vorsprung zu verschaffen, sodass zum Verkaufszeitpunkt des Wertpapiers immer ein bisschen mehr Geld im Pool ist als zum Zeitpunkt seines Kaufs – das beste Klima für steigende Preise. Das Resultat: Mehr Geld, weniger Risiko und vor allem keine Arbeit für den Investor.

Ein Rechenbeispiel: Wenn Sie sich für 100 Franken ein Wertpapier kaufen, das pro Jahr 10 Franken abwirft, haben Sie eine Rendite von 10 Prozent. Wenn Sie die 100 Franken als Sicherheit für einen Kredit über 500 Franken hinterlegen, dafür 5 Prozent Zins bezahlen (= 25 Franken) und damit Wertpapiere kaufen, ergibt dies einen Ertrag von brutto 50 und netto 25 Franken – eine Gewinnsteigerung von 150 Prozent. Wenn allerdings der Wert der Papiere um zehn Prozent sinkt, ist die Hälfte des Kapitals schon weg. Dieses Beispiel ist noch vergleichsweise harmlos. Während hier das Investitionskapital per Kredit verfünffacht wurde, wird es in der real existierenden Finanzwirtschaft verfünfzigfacht. Anstatt bloss 10 Prozent lässt sich damit ein Gewinn von 250 Prozent des eingesetzten Kapitals erzielen, der sich im Grunde aus dem für das Geschäft geschöpften Kredit finanziert, also gewissermassen aus Nichts. Umgekehrt ist auch die Verlustgefahr um Potenzen grösser. Deshalb zitttern die Banken um jede Kommastelle Wachstum.

Je mehr die produktive Realwirtschaft an ihre Grenzen stösst, desto mehr verlagert sich das Kreditgeschäft in Anlagegüter wie Wertpapiere und Immobilien, wo das Geldmengenwachstum sich selbst befeuert. Natürlich wachsen auch in dieser virtuellen Welt die Bäume nicht in den Himmel, aber doch hoch genug, um sehr tief fallen zu können. So geschehen in den 1920er Jahren, mit den bekannten Folgen: Zuerst stürzten die Aktien und die Kredite in sich zusammen, dann die Wirtschaft, dann die Politik, und schliesslich wurde die halbe Welt verbrannt.

Man musste also in Zukunft schlauer vorgehen. Als der Nachkriegsboom in den 1970er Jahren zu Ende ging, galt es, die alten Fehler zu vermeiden bzw. sie besser zu kaschieren. Dazu brauchten die Finanzmärkte einerseits mehr Freiheiten, die sie mit stetigen Deregulierungen seit Beginn der 1980er Jahre auch erhielten und die ihnen nach wie vor gewährt werden – trotz aller Rufe nach mehr Kontrolle. Und andererseits brauchte es mehr Sicherheiten – Derivate aller Art wurden eingeführt. Während eine Aktie einen direkten Vermögenswert darstellt, nämlich einen Anteil an einem Unternehmen, ist ein Derivat (von lat. derivare = ableiten) ein abgeleiteter Vermögenswert. Ein Derivat kann zum Beispiel ein Vertrag sein, einen Vermögenswert in der Zukunft zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Es kann auch ein Recht sein (Option), ein bestimmtes Geschäft in einer festgelegten Frist zu tätigen. Solche Verträge lassen sich verbinden mit Entwicklungen von Aktienkursen, Zinsen und Preisen aller Art und suggerieren damit eine gewisse Sicherheit: Man meint, den Markt austricksen und den Regen-schirm bei schlechtem Wetter kaufen zu können, dann aber zu Schönwetterpreisen.

Andere Derivate bündeln Schulden (z.B. Hypotheken oder Verpflichtungen aus Kreditkarten- oder Leasingverträgen) und machen daraus handelbare Wertpapiere, die zum Bezug eines entsprechenden Anteils der Rückzahlungen berechtigt. Das erlaubt es den Banken einerseits, die schlechten Risiken mit den guten zu verwursten und zu veredeln und sie anschliessend durch Verkauf aus ihrer Bilanz zu bringen.

Die Verträge hinter diesen Derivaten sind kompliziert und können bis zu hundert Seiten umfassen; kein Jurist liest das freiwillig, man muss ihn dafür bezahlen. Und die Formeln hinter den Kalkulationen sind so komplex, dass sie nur noch Finanzmathematiker verstehen. In der Summe, so kann man behaupten, hat da kein Mensch mehr den Überblick. Sicher ist: Sie verstärken den Anschein der Sicherheit und ermöglichten damit eine gigantische Ausweitung der Kredite – und der Gewinne. Sie führten in den Nullerjahren direkt in die Finanzkrise. Mit Hypothekenderivaten konnten die Banken die mangelnde Zahlungsfähigkeit ihrer Kreditnehmer verbergen, bis es zu spät war.

Insgesamt ermöglichten diese Instrumente eine enorme Ausweitung des Bankgeschäfts. 1980 erwirtschaftete der Finanzsektor in den USA rund zehn Prozent der Unternehmens-gewinne, vor der Finanzkrise waren es 40 Prozent. Nach einem deutlichen Einbruch haben sich die Werte wieder auf 30 Prozent erholt. (David Stelter: Die Schulden im 21. Jahrhundert, S. 78)

Rund drei Viertel des neuen Geldes – bei einigen Banken sind es über 90 Prozent – fliessen direkt in Staatsanleihen, Aktien, Derivate und andere Anlagewerte wie Immobilien. Das zusätzliche Geld in diesen Märkten lässt die Preise steigen, die Investoren fühlen sich reicher; aber geändert haben sich vor allem die Preisschilder. Das ist Wachstum ohne Wachstum.

Dem «Wachstum» der Finanzbranche steht allerdings eine Schrumpfung der Realwirtschaft gegenüber. Sie kann mit den Profitraten in der virtuellen Wirtschaft nicht mithalten. Lohn-druck, Qualitätsminderung, Auslagerung in Billiglohnländer und noch perfektere Ausbeutung der Ressourcen sind die Folge.

Die Finanzbranche ist nicht ganz blind für die Gefahren dieser Entwicklung. Mittlerweile haben 50 Prozent der weltweiten Firmenschulden offiziell Schrottwert (Standard&Poor’s Global Fixed Income). Sie verfügen über ein Rating von höchstens B (=junk); das sind im optimalen Fall hochspekulative An-lagen, bei Verschlechterung der Lage sind Ausfälle wahrscheinlich. 1992 lag der Anteil gemäss Erhebungen der Rating-Agentur Standard&Poor’s noch bei 25 Prozent. Heute hat die Hälfte der Firmenschulden also nur dann eine Chance auf Rückzahlung, wenn die Wirtschaft weiter wächst, und das versucht sie seit bald zehn Jahren – bestenfalls mit virtuellem Erfolg. Darum sind Politiker, Ökonomen und Banker so besorgt, wenn das Wachstum einmal nur bei einem Prozent liegt. Unsereins kann froh sein, am Ende des Jahres ein Prozent mehr Lohn zu erhalten. Denn im Durchschnitt sinken die Löhne in Euroland seit rund zehn Jahren, in den USA sogar seit Beginn der 1980er Jahre.

Bevor wir uns dem nächsten Problemfeld zuwenden, eine kurze Zusammenfassung: Die wachsende Lücke zwischen Schulden und Geldmitteln zwingt das Bankensystem zu kontinuierlichem Kreditwachstum. Da dies in der realen Welt nicht durchzuhalten ist, fliesst ein immer grösserer Anteil der neuen Gelder direkt in die Finanzwirtschaft – zum Nachteil der Realwirtschaft, die mit den Profitraten der spekulativen Geschäfte nicht mithalten kann. Den wachsenden Geldmengen stehen also relativ gesehen schrumpfende Realwerte gegenüber. Doch was ist unser Geld eigentlich noch wert, wenn die Schulden, aus denen es besteht, nicht bezahlt werden können und die Werte zu ihrer Deckung sich immer mehr in den virtuellen Raum verlagern?

Inflation – was mehr wird, verschwindet